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„ Übertreibst Du nicht ein bisschen?“ Die unterschätzte Belastung durch Alltagsreize bei Hochsensiblen

 

 

Reizüberflutung im Alltag

Ich sitze in meinem Sessel und bin gerade dabei ein neues Buch aufzuschlagen. Ich habe mich so darauf gefreut. Ich konnte es kaum abwarten damit anzufangen und jetzt habe ich endlich Zeit...ein freier Nachmittag. 

Neben mir steht eine Tasse frischer Minztee, die Katze schlummert friedlich vor sich hin...alles ist wunderbar….und dann das:

Irgendetwas summt hier...ich kann nicht sagen woher es kommt, aber es ist ein leises und dennoch äußerst nerviges Geräusch, dass mich ganz nervös werden lässt. Mein innerer Baseball Schläger meldet sich zu Wort und die nette Version seines Wutausbruchs klingt in etwa so:

Das kann doch wohl nicht wahr sein. Wer ist das denn jetzt schon wieder. Ausgerechnet jetzt...ist ja wieder typisch...hier kann man keine ruhige Minute finden in diesem Haus. Es wird Zeit, dass ich mir eine neue Wohnung suche und ausziehe. Das ist ja nicht zum Aushalten.“ 

 

Oder etwa doch?

Ich weiß, dass mein Nervensystem schneller auf äußere Reize reagiert. Dies betrifft nicht nur mein Gehör, sondern umfasst alle Sinne. Wenn jemand zu starkes Parfum trägt, muss ich weggehen, wenn das Licht zu grell ist, brauche ich eine Sonnenbrille, wenn ich Kaffee trinke fange ich an zu zittern. Die Aufzählung könnte so unendlich weitergehen. 

 

Viele hochsensible Menschen kennen diese Alltagssituationen, die in der Dauerschleife zum Stressfaktor werden. Denn „Kleinvieh macht auch Mist“ und hinterlässt meistens einen großen Haufen, der so schnell nicht wieder abgebaut werden kann.

Dazu reagiert das Umfeld oft mit Unverständnis: „Du bist doch nicht aus Zucker! Das wirst du ja wohl einmal aushalten können.“ 

Ich gebe zu, dass es schwierig nachzuvollziehen ist, wenn hochsensible Menschen ihre alltäglichen Herausforderungen beschreiben. Es hört sich komisch an, dass man das Licht im Supermarkt zu grell findet, das Hupen auf der Straße zu laut, den Bus zu voll und das Parfum der Sitznachbarin so aufdringlich, dass man die Situation verlassen muss. Warum löst so etwas bei Hochsensiblen massiven Stress aus?

 

Welche Rolle spielt unser Nervensystem dabei?

Es geht mir auf die Nerven und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.

Das menschliche Nervensystem ist ein komplexes Netzwerk, das für die Aufnahme, Verarbeitung und Weiterleitung von Informationen zuständig ist. Es steuert sowohl bewusste Handlungen, als auch unbewusste Körperfunktionen. Es gliedert sich in zwei Hauptbereiche: das zentrale Nervensystem (ZNS) und das periphere Nervensystem (PNS).

Das zentrale Nervensystem besteht aus Gehirn und Rückenmark. Es verarbeitet eingehende sensorische Informationen und koordiniert die Reaktionen des Körpers. Das periphere Nervensystem umfasst alle Nerven außerhalb des ZNS und verbindet dieses mit den verschiedenen Körperteilen, um Information zu übertragen.

 

Es steuert bewusste Aktivitäten wie Bewegungen und unbewusste Aktivitäten wie Atmung und Verdauung.

Bei hochsensiblen Menschen zeigen neurobiologische Untersuchungen, dass bestimmte Gehirnregionen, die für die Verarbeitung von Sinnesinformationen zuständig sind, aktiver sind. Dies führt dazu, dass Reize intensiver wahrgenommen und tiefer verarbeitet werden.

Daraus resultiert die Empfindsamkeit für Alltagsreize wie laute Geräusche, grelles Licht oder intensive Gerüche. Die Folge ist schnellere Überstimulation, die in Stress und Erschöpfung mündet.

Ein anschauliches Beispiel, um dir zu erklären wie hochsensible Menschen diese Situationen empfinden ist der Vergleich mit einem Seismographen: Ein Seismograph ist ein Gerät, das selbst die feinsten Erschütterungen der Erde registriert. Diese Erschütterungen bleiben für uns Menschen völlig unbemerkt. Ähnlich reagieren hochsensible Menschen auf subtile emotionale oder atmosphärische Veränderungen in ihrer Umgebung, die für andere oft verborgen bleiben.

 

Die dauerhafte Überstimulation, kann massive gesundheitliche Auswirkungen wie Schlafstörungen, Erschöpfung, Angstzustände und Depressionen haben.

 

Was können hochsensible Menschen tun, um diese Stressoren zu minimieren?

 

Die wirkungsvollste Strategie ist die Reduktion der Reize. Dies kann tiefgreifende Veränderungen, wie ein Jobwechsel oder ein Umzug zur Folge haben, um dein Leben langfristig entspannter und reizarmer zu gestalten. 

Für die meisten Menschen sind solche drastischen Einschnitte jedoch nicht so leicht umsetzbar. Überlege dir daher kleine alltägliche Vorgehensweisen, die du für deine Stressreduktion nutzen kannst. 

Plane Pausen in ruhiger Umgebung ein, kommuniziere deine eigenen Bedürfnisse und setze Grenzen, beruhige dein Nervensystem mit Entspannungsübungen, Musik oder praktiziere Achtsamkeit. 

Natürlich kann es sein, dass du für dich etwas ganz anderes brauchst. Daher höre gut in dich hinein und folge deiner Intuition. 

Für akute Situationen in deinem Alltag stelle ich dir nun einen kleinen Notfallkoffer vor, der Übungen enthält, die dir auch unterwegs helfen können:

 

1. Einfach einmal tief durchatmen: Dies hilft in stressigen Momenten dabei, das Nervensystem zu beruhigen, da besonders die lange Ausatmung den Parasympathikus aktiviert.

 

2. Gönne dir eine Pause: Verlasse die Situation und suche dir einen ruhigeren Ort, wie eine Parkbank, um dich dort kurz auszuruhen und dein Nervensystem zu beruhigen.

 

3. Führe praktische Utensilien mit: Stecke dir eine Sonnenbrille, Ohrstöpsel oder Kopfhörer ein, die dich vor der Reizüberflutung schützen können.

 

4. Rede dir gut zu: Bleibe positiv in der Ansprache zu dir selbst und gönne dir ein paar beruhigende Worte wie z.B.: Ich schaffe das jetzt ohne Probleme.

 

5. Komme in Bewegung: Gehe einfach kurz um den Block. Ich nutze diese Methode oft zwischen meinen Beratungsstunden, um den Kopf wieder frei zu bekommen.

 

6. Richte deinen Blick nach unten: Das klingt vielleicht komisch, aber wenn du deinen Kopf zum Boden neigst reduzierst du visuelle Reize.

 

7. Iss oder trinke etwas: So bringst du dich zurück in die körperliche Balance und steigerst deine Konzentrationsfähigkeit. Wenn ich Hunger habe verhalte ich mich oft, wie die Diva in der Snickers Werbung und werde dadurch noch durchlässiger für Reize.

 

8.Bleib bei dir und achte auf deine Grenzen: Wenn es dir zu viel wird, bitte die Menschen um Abstand oder Ruhe. Sollte dies nicht klappen, verlasse die Situation.

 

Wenn ich draußen bin und es sehr stressig ist, merke ich es manchmal gar nicht sofort. Intuitiv beginne ich damit, meine Schritte zu zählen. Dies beruhigt mich und bringt mich zurück zu meinem Körper. So nehme ich das Stressgefühl deutlich wahr und kann etwas dagegen tun.

 

Es ist entscheidend, dass du für dich selbst herausfindest, welche Methoden für dich passen. Nimm dir dafür ein wenig Zeit und probiere dich aus. Langfristig gesehen macht es einen großen Unterschied, wenn du deine Strategien zur Reduzierung der Reizüberflutung im Alltag regelmäßig anwendest. Du steigerst deine Resilienz und siehst die Dinge gelassener.

 

Wenn du mehr zu diesem Thema wissen willst oder eine Beratung wünschst, schreibe mir eine Mail an: info@bewegungsintensiv.de

 

Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast diesen Beitrag zu lesen.

 

Genieße den Moment und pass gut auf dich auf,

Sandra

 

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